Moscheen – Ein fester Teil der Gesellschaft
60 Jahre Bundesrepublik und seine Muslime

 



Ein fester Teil der Gesellschaft

In Deutschland leben derzeit etwa 4,3 Millionen Muslime. Die meisten von ihnen kamen im Zuge der Arbeitsmigration seit den 60er Jahren in das Land. Doch haben die Muslime eine wesentlich längere Vergangenheit in Deutschland.

Der Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. war es, der im Jahre 1739 einen Saal in der Nähe der Soldatenkirche in Potsdam errichten ließ, damit zwanzig osmanische Soldaten, „seine Mohammadaner“, wie er sie nannte, dort ihre Gebete verrichten konnten. Zu den ersten Zeichen muslimischen Daseins in Deutschland gehört ebenfalls der Friedhof in Berlin-Tempelberg, der 1798 für die Mitglieder des osmanischen Botschafters eingerichtet wurde; ganz im aufklärerischen Geiste Friedrich II. Denn als dieser gefragt wurde, ob in einer evangelischen Stadt ein Katholik das Bürgerrecht erwerben dürfe, schrieb er: „Alle Religionen seind gleich und guht, wan nuhr die leute, so sie profesieren, erliche Leute seindt; und türken und heiden kähmen und wollten das Lande pöblieren [bevölkern], so wollen wier sie Mosqueen und Kirchen bauen.“ Die Gegenwart zeigt, dass Muslime in Deutschland heimisch geworden sind, zu Deutschland gehören und ihren gesellschaftlichen Beitrag leisten. Muslime waren und sind in Deutschland stets verantwortungsbewusste Bürger, die sich um das Gemeinwohl bemühen. Vor allem nach dem zweiten Weltkrieg haben Migranten, meist muslimischen Glaubens, zum gesellschaftlichen Wohlstand in Deutschland beigetragen. Heute bilden sie einen nicht übersehbaren Anteil von Geschäftsleuten, die Arbeitnehmer und Auszubildende beschäftigen. Sie sind in allen Gesellschaftsgruppen anzutreffen, auch als Lehrer, Ärzte, Schüler, Studenten oder Rentner. Sie leben in zweiter oder dritter Generation in Deutschland und haben größtenteils den Gedanken der Rückkehr in die Herkunftsländer aufgegeben. Sie bauen Moscheen, kommen aus den Hinterhöfen in die Mitte der Gesellschaft und zeigen so, dass sie angekommen sind. Sie lassen sich zunehmend in Deutschland beerdigen, sehen sich als Teil Deutschlands und bekennen sich zum Grundgesetz und seinen Werten. Mit der Gründung der Bundesrepublik, deren 60jähriges Bestehen wir in diesem Jahr feiern, begann ein neues Kapitel der Geschichte Deutschlands. Das Grundgesetz wurde zur gemeinsamen Grundlage aller in Deutschland lebenden Bürger. Elementare Rechte aller Mitglieder der Gesellschaft ohne Ansehen der ethnischen oder religiös- weltanschaulichen Zugehörigkeit stehen seither unter dem Schutz des Grundgesetzes. Das 60jährige Jubiläum der Bundesrepublik und des Grundgesetzes ist auch für Muslime ein Grund zur Freude.

Moscheen haben Potenzial

Eines der deutlichsten Merkmale muslimischer Präsenz in Deutschland sind die Moscheen. Moscheen sind Zeichen der Identifikation und Verwurzelung der Muslime mit dem Land, in dem sie leben. Sie waren schon immer Ausgangspunkt gesellschaftlichen Engagements. Dabei sind die Moscheen nicht nur Orte des Gebetes, sondern auch Orte der Begegnung, Bildung und des Austausches. Hier steckt auch das Potenzial einer jeden Moscheegemeinde in Deutschland, die zum allergrößten Teil ehrenamtlich organisiert sind. Moscheen vermitteln Menschen ein Gemeinschaftsgefühl, stärken soziale Bindungen. Dort wird gelehrt, dass man ein freies, würdiges und glückliches Leben nur führen kann, wenn man die Schöpfung Gottes als höchstes anvertrautes Gut respektiert und bewahrt. Dazu gehört, dass man im Einklang mit sich, seiner Umwelt und seinen Mitmenschen lebt, dem anderen zuhört und ihn versteht, bei Unstimmigkeiten diesen mit Respekt und Toleranz begegnet. Muslime sollen Frieden in ihrer Umgebung stiften und für ein harmonisches Zusammenleben sorgen, mit Nachbarn und der Gesellschaft. Dazu wird in Moscheen aufgerufen, um der Barmherzigkeit Gottes willen. Damit Moscheen ihr Potenzial entfalten können, müssen sie jedoch als Bereicherung wahrgenommen, akzeptiert und gefördert werden.

Orientierung und Engagement


Moscheen sind Stätten der praktischen Umsetzung religiöser Gebote wie dem Gebet, dem Fasten oder der religiösen Bildung. Sie sind für Muslime Orte der Besinnung, des Feierns und des Austausches – Orte fernab von der Hektik des Alltags. Diese religiösen Grundangebote der Moscheen werden von Mann und Frau, Jüngeren und Älteren gleichermaßen und gemeinsam wahrgenommen. Darüber hinaus gibt es verschiedene Schwerpunkte, die von Gemeinde zu Gemeinde variieren können. Die Aktivitäten von und für Frauen innerhalb der Gemeindearbeit nehmen jedoch generell einen immer bedeutenderen Platz ein. Diese Arbeit ist durch eine gute Organisation und eine aktive Teilnahme am Gemeindeleben, sowie sozialen Aktivitäten gekennzeichnet. Das Engagement in der Moschee ist meist Ausgangspunkt für Initiativen und Projekte, wie beispielsweise solche im interreligiösen Dialog. Durch die Gemeindearbeit wird die Teilnahme von muslimischen Frauen und Mädchen am gesellschaftlichen Leben gefördert, insbesondere die Nutzung von Bildungs- und Ausbildungsmöglichkeiten. Von zentraler Bedeutung sind dabei die Förderung von Sprachkenntnissen und die Anleitung zur Übernahme von Pflichten in der Gemeinde und im öffentlichen Leben.

Einen weiteren Schwerpunkt stellt die Jugendarbeit dar. Zu den Aktivitäten gehören die Organisation und Durchführung von Jugendprojekten, Gesprächskreisen, Vorträgen, Wochenendausflügen, allerlei sportliche Aktivitäten sowie Sprachkurse, Hausaufgaben- und Nachhilfekurse, Jugendreisen, Computerkurse und die individuelle Unterstützung bei schulischen Problemen. Im Rahmen der Jugendarbeit wird die Sinnorientierung von Jugendlichen durch Werte, wie Respekt vor den Eltern, älteren Menschen, Freigiebigkeit, Hilfsbereitschaft, die Pflege guter Beziehung zu den Nachbarn, Aufrichtigkeit, Treue, Verlässlichkeit oder Toleranz gefördert.

Werte und Wissen

Der erste offenbarte Vers des Korans beginnt mit „Lies! Im Namen deines Herrn, der erschuf…“ 1 Dieser und andere Koranverse sowie Aussprüche und Praktiken des Propheten Muhammad (saw) waren ausschlaggebend dafür, dass die Moschee von Anfang an auch ein Ort der Wissensvermittlung war. So ist die Vermittlung von fundiertem religiösem Wissen, die Erziehung der Kinder und Jugendlichen zu selbstbewussten Menschen eine grundlegende Aufgabe der Moschee. Hier lernen die Muslime – Klein und Groß, Mann und Frau – was ihre Religion ausmacht, welche Pflichten sie gegenüber den Eltern, den Verwandten und der Gesellschaft haben und wie sie diese Verantwortung am besten wahrnehmen können.

Bildung und Unterstützung


Die Moscheegemeinden sind sich bewusst, dass eine gute Bildung der Schlüssel zu einer erfolgreichen Integration ist. Aus diesem Grund legen die Moscheen in jeder Hinsicht Wert auf eine gute Bildung und Ausbildung der Kinder und Jugendlichen. Die Unterstützung durch die Gemeinde soll den Weg in eine erfolgreiche berufliche Laufbahn ebnen und den Jugendlichen bei der Verwirklichung ihrer Ziele helfen. In diesem Bereich kooperieren viele Moscheen mit den zuständigen kommunalen Behörden und Bildungseinrichtungen. Hierzu gehören beispielweise Projekte, bei denen Jugendlichen die Möglichkeit gegeben wird, sich über diverse Berufe sowie Studienfächer zu informieren. Von besonderer Bedeutung ist auch das Erlernen der deutschen Sprache sowie der Muttersprache. Inzwischen gehört zu den facettenreichen Aktivitäten von Moscheen, dass die wöchentlichen Freitagspredigten, regelmäßige Vorträge oder lockere Gesprächskreise in vielen Moscheen auch in deutscher Sprache abgehalten werden.

Offenheit und Dialog


Die aktive Öffentlichkeitsarbeit ist in vielen Moscheen eine recht junge Entwicklung. Erst mit dem sich etablierenden Selbstverständnis muslimischer Migranten, ein Teil der Gesellschaft zu sein und damit auch mehr Verantwortung zu übernehmen, wurde die Bedeutung des Dialogs mit der Mehrheitsgesellschaft erkannt. Aber auch angesichts des allgemeinen Interesses am Islam und den Muslimen in Deutschlands wird die Gestaltung einer aktiven Öffentlichkeitsarbeit in jeder Gemeinde zunehmend zu einer Selbstverständlichkeit. So wirkt die Moschee als Ansprechpartner und bemüht sich um einen guten Kontakt zur Kommune, den Kirchen, den Schulen, der Presse, den Nachbarn und selbstverständlich allen anderen Bürgerinnen und Bürgern der Stadt. Mit Informationsmaterialien sowie oftmals der Betreuung einer Gemeinde- Homepage soll die Arbeit der Moschee mehr Transparenz gewinnen und die Möglichkeit geschaffen werden, die Moschee der Öffentlichkeit noch besser zugänglich zu machen. In den meisten Fällen handelt es sich bei den Aktiven der Öffentlichkeitsarbeit um junge Muslime mit guten Sprachkenntnissen. Dialog findet, obwohl es bezüglich des Umfangs und der Qualität der Dialogarbeit in den einzelnen Gemeinden große Unterschiede gibt, in jeder Moschee statt. Während einige Moscheen einen regelmäßigen Dialog mit einem oder mehreren Partnern führen, die in Form von Runden Tischender Religionen, interreligiösen Arbeitsgruppen oder Initiativkreisen organisiert sind, kommt es bei vielen Gemeinden zu Einladungen – zum Beispiel zum Fastenbrechen (Iftâressen). Der Etablierung des Dialogs als eine Selbstverständlichkeit des Zusammenlebens, stehen jedoch oftmals Vorurteile und Vorbehalte im Wege. Da die Moscheeaktivitäten zum allergrößten Teil von Ehrenamtlichen organisiert werden, fehlt es ihnen auch häufig an Personal und finanziellen Ressourcen, um eine nachhaltige Dialogarbeit zu betreiben. Ein entscheidender Beitrag zum gesamtgesellschaftlichen Dialog wurde von muslimischer Seite mit dem „Tag der Offenen Moschee“ geleistet, der seit dreizehn Jahren am 3. Oktober bundesweit durchgeführt wird. An diesem Tag laden die Moscheen alle Bürgerinnen und Bürger zu einem Besuch ein, um sich ein eigenes Bild vom Islam und den Muslimen zu machen. Doch auch außerhalb dieses Tages bieten Moscheen Rundgänge und Informationsmöglichkeiten, beispielsweise für Schulklassen und andere Gruppen.

Soziale Verantwortung


Das koranische Gebot des Teilens lautet: „Ihr werdet echte Frömmigkeit nicht erlangen, ehe ihr nicht von dem spendet, was ihr liebt…“ 2 Trotz einer allgemein verschlechterten Finanzlage gehören die Muslime in Deutschland weltweit zu einer Minderheit, die in relativem Wohlstand lebt; ein Wohlstand, der auch soziale Verpflichtungen mit sich bringt. Daher sehen sich die Muslime in der Pflicht, dieser Verantwortung nachzukommen. Sie bemühen sich den Problemen der hiesigen Gesellschaft anzunehmen und auch das Leid bedürftiger Menschen auf der Welt zu lindern. So engagieren sich Moscheegemeinden immer öfter und umfassender auch an sozialen, humanitären oder kommunalen Projekten hierzulande, angefangen von der Mitarbeit in der Suppenküche über die finanzielle Unterstützung der Schulbibliothek bis zur Putzaktion im Stadtteil. Ferner gehören Krankenhausbesuche, Gefängnisseelsorge, Beratung bei alltäglichen Problemlagen zu den grundlegenden Diensten einer jeden Moscheegemeinde. Zu diesen Beratungsdiensten gehört auch die Notfallseelsorge.Gerade in Zeiten steigender Arbeitslosigkeit wird den Menschen ein Partner des Vertrauens geboten, der Wege aus der Not zeigen kann. Traurig ist, dass diese ehrenamtlichen Dienste, die geleisteten psychologischen und sozialen Dienste, die Altenbetreuung, die Jugendhilfe, die Frauenförderung, die Integrationsarbeit, die Bildungsarbeit, die ihnen gebührende staatliche Anerkennung leider noch nicht im vollen Umfang erfahren haben. Staatliche Förderungen sollten deshalb verstärkt auch in diese Institutionen fließen, da sie die Zielgruppe unmittelbar erreichen. Moscheen haben Potenzial, dass es für die Gesellschaft fruchtbar zu machen gilt. Hierzu müssen sich einerseits die Muslime stärker in die Gesellschaft einbringen und die Moschee mit ihren vielfältigen Möglichkeiten der Gesellschaft dienstbar machen. Andererseits kann dies nur geschehen, wenn die Moscheen einen Platz in der Mitte der Gesellschaft einnehmen und als Bereicherung wahrgenommen werden. Alle Interessierten sind insbesondere am Tag der offenen Moschee am 3. Oktober eingeladen, sich ein eigenes Bild von der Vielfalt und dem Potenzial der Moscheen zu machen.

2 Sure Âl-i Imrân, Vers 92